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Volvo Amazon - deftig und delikat

Der Volvo, der als Amazon Geschichte machte             

Das war mutig: Eine brave Familienkutsche so klangvoll wie kriegerisch Amazon zu nennen! Aber die AB VOLVO traute sich – und schuf mit ihrem ebenso robusten wie ansehnlichen neuen Modell einen Meilenstein, der den schwedischen Konzern nicht nur am Weltmarkt neu positionierte...  
 
 
Namen sind Schall und Rauch? Nicht ganz. Der Volvo jedenfalls, der als Amazon Geschichte machte, musste bei uns anders heißen: Ein deutscher Zweiradhersteller hatte sich die aufregend klingende Bezeichnung schützen lassen - und aus war's mit dieser Kriegerin der griechischen Mythologie. Obwohl der Amazon im heimatlichen Schweden weiter Amazon hätte heißen dürfen, zog Volvo einen Schlussstrich und führte den internen Typencode als offizielle Bezeichnung ein - womit Volvo 121, 122 S, 123 GT... geboren waren. Trotzdem spricht alle (Volvo-)Welt heute noch vom Amazon (oder, bei uns, von der Amazone).
 
Der schwedische Konzern konnte damit gut leben. Am 1. September 1956 hatte das intern P 1200 genannte neue Modell sein Debüt in der Öffentlichkeit gefeiert - als ebenso moderner wie attraktiver Viertürer, der auf Anhieb gut ankam. Was auf den ersten, aber eben auch zweiten und dritten Blick an seiner schicken Schale lag, die auf das Konto von Jan Wilsgaard ging. Volvos jungem Chefdesigner hatte sich bei seiner Arbeit maßvoll von amerikanischen und italienischen Stilmerkmalen inspirieren lassen – ohne dabei seine eigenen Vorstellungen und Vorgaben über Bord zu werfen. Heraus kam, nicht zuletzt durch das zweigeteilte Kühlergrill, eine markante, eigenständige Linienführung. Selbsttragend ausgelegt und tadellos verarbeitet, glänzte das attraktive Blechkleid durch innere Größe (vier bis fünf Erwachsene samt Urlaubsgepäck ließen sich kommod unterbringen, fanden vor allem mehr Platz als im „buckligen“ PV 544, der einige Jahre parallel zum Amazon gebaut werden sollte). Weitere Pluspunkte waren die komplette Ausstattung sowie die gründliche Rostvorsorge, Letzteres damals durchaus nicht selbstverständlich. Außerdem war der Neuling gebaut wie eine Burg: Versuche bei Budd & Co. im amerikanischen Philadelphia ergaben, dass seine Karosserie an Stabilität und Verwindungssteife gegenüber der des PV (schon das ein harter Brocken) abermals gewonnen hatte! Allerdings mussten die Amazon-Ingenieure zunächst Probleme mit dem zu weichen, bei Hängerbetrieb zur Verformung neigendem „Hinterteil“ beseitigen...
 
Unter der wohlgeformten Hülle ging es weit weniger aufregend zu. Die Technik des Schwedenmobils stammte in ihren Grundzügen mit der des bewährten Buckel-Volvo überein, war aber in vielen Punkten modifiziert worden. Wie der auf 1,6 l Hubraum vergrößerte B 16-Motor, ein ohv-Aggregat mit dreifach gelagerter Kurbelwelle und einem Zenith-Fallstrom-Vergaser (B 16 A), der 60 DIN-PS bei 4500 Touren leistete. Geschaltet wurde mit einem Dreiganggetriebe, das die Volvo-Ingenieure mit einer „kurzen“, 4,56:1 übersetzten Hinterachse kombiniert hatten. Laut Werk erreichte der leer rund 1000 Kilo wiegende Amazon eine Höchstgeschwindigkeit von 145 km/h. Gute Fahrt!
Rasch zeigte sich, dass der AB VOLVO ein großer Wurf gelungen war. Der formvollendete Viertürer avancierte nicht nur in Skandinavien zum Verkaufsrenner, sondern verhalf seinem Hersteller auch auf wichtigen Exportmärkten zum Durchbruch. So kümmerte sich bei uns die Volvo GmbH, Bockenheimer Landstr. 83, Frankfurt am Main, um die schwedische Marke. Am 28. Januar 1958 mit einem Stammkapital von DM 200.000,- ins Handelsregister eingetragen, machte auch Volvo Deutschland kontinuierlich Karriere und bezog, nach einigen Zwischenstationen, im Mai 1965 einen neuen Firmensitz im hessischen Dietzenbach. Vor allem aber sorgte der Amazon auf dem so wichtigen US-Markt für Furore, wo das Auto als „distinguished car for discerning people“ vermarktet wurde. Es war vor allem Volvo-Boss Gunnar Engellau, der den Export erfolgreich forcierte - mit dem Amazon als Trumpfkarte. Der später in einer offiziellen Broschüre ganz richtig als das Auto bezeichnet wurde, das Volvo seinen Platz auf der Landkarte sicherte („the car, that put Volvo on the map“). 
 
Tatsächlich wurde das Amazon-Angebot immer reizvoller. So stellte die AB VOLVO auf dem Genfer Salon im März 1958 den Amazon S vor, der den sportlichen Charakter des neuen Modells betonte: Zwei SU-Vergaser, eine schärferen Nockenwelle, anderer Ventile sowie ein von 7,5 auf 8,2:1 erhöhtes Verdichtungsverhältnis verhalfen dem B 16 B-Motor zu 83 DIN-PS und einer Spitze von rund 155 km/h. Sogar abgebrühte Tester wie der belgische Le Mans-Sieger Paul Frère zeigten sich beeindruckt von Fahrleistungen, Fahrverhalten und der Solidität des Amazon S. In den folgenden Jahren leisteten die schwedischen Techniker und Marktstrategen gewissenhaft Modellpflege und präsentierten 1960 frische Drei- und Vierganggetriebe (M 30 bzw. M 40); ein Overdrive bereicherte das Programm, neben einer (allerdings kurzlebigen) halbautomatischen Kupplung (eine Art Saxomat). Im August 1961 fiel dann der Startschuss für das B 18-Triebwerk, eine radikale Weiterentwicklung (viele sprechen von Neuentwicklung) des bisherigen Motors. Es setzte auf 1,8 Liter Hubraum, eine fünffach gelagerte Kurbelwelle und leistete als B 18 A (mit einem Vergaser) 68 PS; das Zweivergasermodell B 18 D auf 80 PS brachte. Gleichzeitig feierten eine 12 Volt-Anlage und eine „längere“ Hinterachse (4,1:1) ihren Einstand; die bisherige Achsübersetzung (4,56:1) war nur noch in Verbindung mit dem Overdrive zu haben. Dem Amazon S spendierten die Schweden zum selben Zeitpunkt vordere Scheibenbremsen (die Einvergaserversion kam später in diesen Genuss) und ab August 1963 ein automatisches Borg-Warner-Getriebe vom Typ BW 35. Nach dem Namensstreit war aus dem Amazon inzwischen der 121 und der 122 S geworden.
 
Als nächste Eckdaten der Amazon-Historie notieren wir den Oktober 1961 und den Februar 1962, als die zweitürige Limousine und der fünftürige Kombi - letzterer mit horizontal geteilter Heckklappe und 4,56:1 übersetzter Hinterachse - debütierten. Damit war die Amazon-Familie, die längst auf den Renn- und Rallyepisten dieser Welt kräftig mitmischte, komplett. Oder doch nicht? Viele Fans bedauerte, dass es keine Cabrio-Version gab. Sie sollte kommen, allerdings nicht werkseitig, sondern vom belgischen Volvo-Händler Jacques Coune. Dieser Mann mit Herz und Autoverstand lancierte um 1963 herum drei „topless“-Amazonen mit vier Sitzen, dazu einen besonders extravaganten Zweisitzer (bestimmt für den hier bereits erwähnten Paul Frère). Und da wir schon über Sonderkarosserien reden, müssen wir gleich das Coupé des Dänen Ole Sommer erwähnen, das noch früher das Licht der Autowelt erblickte. Diese Schöpfung blieb ein Einzelstück.
 
In den folgenden Jahren gab es leichte Retuschen an der Ausstattung und am Auftritt (die wunderbaren, verspielten Zweifarben-Lackierungen mussten dran glauben). Auch die Leistung kletterte - auf 75 (B 18 A2), 86 (B 18 D2) und 90 PS (B 18 D3). Am besten im Futter stand der sportliche 123 GT mit 96 PS starkem B 18 B-Aggregat, Overdrive, Drehzahlmesser und anderen sportlichen Zutaten. Dieses Topmodell erschien im August 1966 und war vor allem für anspruchsvolle Märkte – wie Deutschland und die Schweiz – konzipiert worden. Genau zwei Jahre später stattete Volvo alle Modelle neben einer Zweikreis-Bremsanlage mit einem gründlich überarbeiteten Zweilitermotor (B 20) aus, der etwa kürzere Ventilführungen (mit separaten Ventilschaftdichtungen) sowie größere Einlassventile bot. Mit nicht nur höherem Drehmoment, sondern auch mit höherer Leistung: 82 (B 20 A) bzw. 100 PS (B 20 B) mobilisierten die neuen Triebwerke. Zu diesem Zeitpunkt war die Amazon-Familie schon nicht mehr vollzählig: Der elegante Viertürer war im Dezember 1967 abgetreten, der Kombi folgte im August 1969. Am 3. Juli 1970 schließlich kam auch für den Zweitürer das Aus - der letzte Amazon lief im schwedischen Torslanda vom Band. In 14 Jahren waren 644.716 Exemplare entstanden - heja Amazon!                                                            
 
                                                                 Dieter Günther